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Wiesbaden, 09.05.2019 08:48 Uhr

Frühjahrspressekonferenz: Abgekühltes Wirtschaftsklima macht auch Chemie- und Pharmaindustrie in Hessen zu schaffen

Die Umsätze in der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Hessen sind im Jahr 2018 um 3,6 Prozent gestiegen, wobei sich die Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte spürbar eintrübte. Nach einem schwachen Jahresstart 2019 dürfte es schwer werden, die Ergebnisse des Vorjahres zu erreichen. Über die aktuellen Branchenzahlen berichtete Dr. Helmut Prestel, Vorstandsvorsitzender des Landesverbandes Hessen im Verband der Chemischen Industrie (VCI Hessen), in einem Pressegespräch der hessischen Chemieverbände heute in Frankfurt. Zugleich bekräftigte er das „Ja“ der Branche zu Europa und äußerte sich gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen Peter Bartholomäus und Dr. Jürgen Eck zu den wichtigsten politischen Rahmenbedingungen für die Branche.
Nur vordergründig sei das Jahr 2018 für die Chemie- und Pharmaindustrie in Hessen zufriedenstellend verlaufen, denn in der zweiten Jahreshälfte schwächte sich die konjunkturelle Entwicklung erheblich ab. Der Gesamtumsatz für die Chemie- und Pharmaindustrie stieg 2018 um 3,6 Prozent auf rund 26,8 Milliarden Euro an. Dabei haben die heimischen Märkte den Grundstein für die Ergebnisse im letzten Jahr gelegt. Die Produktion legte um 4,3 Prozent zu, die Produktpreise stiegen um 1,9 Prozent. Auch die Beschäftigung ist im letzten Jahr, trotz des konjunkturellen Abschwungs im zweiten Halbjahr, noch einmal gewachsen und lag um 1,7 Prozent höher.

Chemie: Konjunkturbruch im zweiten Halbjahr

Die klassische Chemie verbuchte 2018 einen Umsatzzuwachs von 3,5 Prozent, auf rund 14,8 Milliarden Euro. Diese unter dem Strich positiven Ergebnisse beruhen allerdings allein auf einem guten ersten Halbjahr. In der zweiten Jahreshälfte gab die konjunkturelle Entwicklung erheblich nach. Ursache hierfür ist in erheblichem Maße die seit dem zweiten Halbjahr 2018 anhaltende wirtschaftliche Abschwächung im Industriesektor, dem wichtigsten Kundenmarkt für die Chemieindustrie. Entsprechend schwach ist die Chemie-Sparte auch in das neue Jahr 2019 gestartet. Bis einschließlich Februar lag die Produktion im Vergleich zum Vorjahr um rund 2 Prozent im Minus, die Auftragseingänge um knapp 1,5 Prozent. Der Umsatz ist um knapp 1 Prozent rückläufig.

Pharma: schwacher Export, schwache Preise

Die hessische Pharmaindustrie verbuchte 2018 einen Gesamtumsatz von 12 Milliarden Euro und damit 3,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Die um 0,7 Prozent gesunkenen Auslandsumsätze waren vor allem auf weiter rückläufige Geschäfte in dem für die Branche wichtigen Absatzmarkt der USA zurück zu führen. Gleichzeitig blieb die Entwicklung der Produktpreise mit einem kleinen Zuwachs von 0,6 Prozent weiter nur verhalten. Die Produktion konnte zwar spürbar zulegen und auch die Auftragseingänge nahmen zu, doch auch im Pharmabereich tendierte die Entwicklung am Jahresende deutlich nach unten. Daher ist das Ausgangsniveau zu Beginn des Jahres 2019 vergleichsweise niedrig. Die Produktion lag bis Februar um knapp 9 Prozent unter ihrem Vorjahreswert, der Eingang neuer Aufträge um knapp 10 Prozent. Die Umsätze unterschreiten ihr Vorjahresniveau um knapp 4 Prozent.

Risiken und mögliche Belastungen

„Vor dem Hintergrund des grundlegend abgekühlten Wirtschaftsklimas dürfte es für die chemisch-pharmazeutische Industrie in Hessen 2019 konjunkturell schwer werden, die Ergebnisse des Vorjahres zu erreichen“, erläuterte Prestel. In 2019 habe sich das Wirtschaftsumfeld in Europa, Asien und Amerika abgeschwächt. Die chemische Industrie müsse sich insbesondere mit einer generellen Nachfrageschwäche ihrer industriellen Abnehmerbranchen auseinandersetzen, führte Prestel weiter aus. Auch eine Verschärfung der internationalen Handelskonflikte stelle weiterhin ein Risiko dar.

Forderungen an die hessische Politik

Im Bereich der Digitalisierung und Bildung zeigen die Chemieverbände Hessen vier Prioritäten auf: Schnellerer und flächendeckender Breitbandausbau, Verankerung von Digitalisierungskompetenz in Schule und Aus- und Weiterbildung, Entwicklung einer E-Health-Strategie für Hessen und der Ausbau von E-Government, um bürokratischen Aufwand für Unternehmen zu verringern. Auch die Berufsorientierung muss verbessert werden. Die Fachkräftegewinnung bleibt ein Topthema, bei dem Politik und Wirtschaft eng zusammenarbeiten müssen. Die Chemieverbände sehen ein hohes Potential beim Ausbau der Kooperationen mit Schulen im MINT-Bereich, um Möglichkeiten aufzuzeigen und Verständnis für Technologie zu fördern. Bei der Energiewende muss die schwarz-grüne Regierung sowohl auf Bundesebene als auch auf Europaebene darauf hinwirken, dass die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie nicht in eine Schieflage gerät. „Neben den kaum noch vertretbaren Kosten belastet vor allem die Bürokratie der energiepolitischen Vorschriften die Unternehmen“ sagte Peter Bartholomäus, Mitglied des Vorstands im VCI Hessen. Der Wert des Industriestandorts und sein Beitrag zum Wohlstand Hessens müsse bei allen politischen Entscheidungen Berücksichtigung finden. Im Bereich der Innovationen spielt nach Einschätzung von Dr. Jürgen Eck, ebenfalls Vorstandsmitglied im VCI Hessen, die längst überfällige steuerliche Forschungsförderung eine wichtige Rolle. Der Gesetzentwurf der Bundesregierung sollte von Hessen unterstützt werden. Wesentlich sei, dass die Ausführung dieser Maßnahme technologieoffen erfolge.

Mit Blick auf die bevorstehenden Europawahlen bekräftigten die hessischen Chemieverbände ihr „Ja zu Europa“, stellten die Vorteile des europäischen Binnenmarkts für die Industrie und ihre Arbeitnehmer heraus und riefen zu einer hohen Wahlbeteiligung auf.
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