Krise setzt Ausbildungsmarkt der Chemie- und Pharmaindustrie weiter unter Druck
Die anhaltende wirtschaftliche Krise hinterlässt weiterhin deutliche Spuren auf dem Ausbildungsmarkt der Chemie- und Pharmaindustrie in Hessen. Im Jahr 2026 wurden insgesamt 1.258 Ausbildungsplätze angeboten – ein Rückgang um 16,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch in der kunststoffverarbeitenden Industrie (KVI) sank das Ausbildungsplatzangebot von 80 auf 73 Plätze. Die aktuellen Zahlen wurden im Rahmen der Veranstaltung „Future Lab Ausbildung“ vorgestellt, zu der die Sozialpartner HessenChemie und IGBCE Hessen-Thüringen auf den Provadis Campus in Frankfurt eingeladen hatten.
Ausbildungsbetriebe reagieren auf schwierige Wirtschaftslage
„Der erneute Rückgang ist alarmierend, kommt angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage aber nicht überraschend“, erklärt Jürgen Funk, Geschäftsführer Bildung bei HessenChemie. „Wo Unternehmen ihre Produktion zurückfahren, Arbeitsplätze abbauen oder Standorte schließen müssen, bleibt das auch für die Ausbildung nicht ohne Folgen.“ Mehr als 58 Prozent der Ausbildungsbetriebe in der Chemie- und Pharmaindustrie haben ihr Angebot gegenüber dem Vorjahr reduziert. Auch die Unternehmen der kunststoffverarbeitenden Industrie stehen unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. „Damit die Unternehmen wieder mehr in Ausbildung investieren können, brauchen wir dringend bessere Rahmenbedingungen. Hohe Energiekosten, steigende Sozialabgaben und überbordende Bürokratie belasten die Betriebe erheblich. Die Politik muss jetzt mit entschlossenen Reformen dafür sorgen, dass dieser Gegenwind nachlässt“, fordert Funk.
Dennis Priegnitz, Gewerkschaftssekretär der IGBCE Hessen-Thüringen, warnt davor, angesichts der Krise bei der Ausbildung zu sparen: „Gerade jetzt dürfen die Unternehmen bei der Ausbildung nicht den Rotstift ansetzen. Die demografische Herausforderung liegt schließlich noch vor uns. Wer heute Ausbildungsplätze streicht, dem fehlen in drei oder vier Jahren die Fachkräfte. Ausbildung ist eine Investition in die Zukunft unserer Industrie und in die Perspektiven junger Menschen. Deshalb muss das Ausbildungsplatzangebot in den kommenden Jahren wieder deutlich ausgeweitet werden.“
Die Übernahmequote ist in der Chemie- und Pharmaindustrie mit 85 Prozent stabil geblieben. Ein weiteres positives Signal: Die Besetzungsquote ist von rund 93 auf 95 Prozent gestiegen und erreicht damit den höchsten Stand seit 2021. Dies zeigt, dass die Ausbildungsangebote der Unternehmen weiterhin attraktiv sind. In der kunststoffverarbeitenden Industrie liegt die Übernahmequote bei 91 Prozent, die Besetzungsquote bei rund 84 Prozent.
Future Lab Ausbildung: Gemeinsam Lösungen entwickeln
Wie Unternehmen auch unter schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ausbildungsfähig bleiben können, stand im Mittelpunkt des Formats „Future Lab Ausbildung“. HessenChemie und IGBCE Hessen-Thüringen diskutierten gemeinsam mit Fachleuten aus Unternehmen und Institutionen über neue Wege der Fachkräftesicherung. Themen waren unter anderem die Stärkung der Verbundausbildung, ein zweijähriges Berufsausbildungsmodell als Einstieg sowie Unterstützungsangebote für Betriebe und Auszubildende. Ziel der Veranstaltung war es, Ausbildungshemmnisse abzubauen, Kooperationen zu fördern und die Ausbildungsqualität in der Chemiebranche langfristig zu sichern.
Ausblick 2027: Unternehmen bleiben zurückhaltend
Für das kommende Jahr wollen rund 67 Prozent der Chemie- und Pharmaunternehmen ihr Ausbildungsangebot konstant halten. Knapp 9 Prozent planen eine Ausweitung, während fast 24 Prozent eine weitere Reduzierung in Betracht ziehen.
„Die Zahlen zeigen, dass die Unternehmen auch im kommenden Jahr vorsichtig planen. Umso wichtiger ist es, die vorhandenen Ausbildungsstrukturen zu sichern und die Zusammenarbeit zwischen Betrieben, Berufsschulen und weiteren Partnern zu stärken. Hier müssen wir gemeinsam ansetzen“, betont Funk. „Entscheidend ist auch, dass die Berufsschulen für die Auszubildenden gut erreichbar sind“, ergänzt Priegnitz. „Bei der Umsetzung des neuen Berufsschulkonzepts in Hessen dürfen bewährte regionale Strukturen nicht verloren gehen. Denn eine wohnort- und betriebsnahe Beschulung ist ein wichtiger Baustein für eine attraktive duale Ausbildung.“
Hintergrundinformationen: Insgesamt absolvieren in Hessen derzeit mehr als 4.200 Menschen in der chemisch-pharmazeutischen und kunststoffverarbeitenden Industrie eine Ausbildung, ein duales Studium oder nehmen an einer Fördermaßnahme teil. Die Chemie-Sozialpartner sind die IGBCE Hessen-Thüringen (Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie) und der Arbeitgeberverband Chemie und verwandte Industrien für das Land Hessen e. V. (HessenChemie). Im Arbeitgeberverband HessenChemie sind 310 Mitgliedsunternehmen mit 105.000 Beschäftigten der chemisch-pharmazeutischen und kunststoffverarbeitenden Industrie sowie einiger industrienaher Serviceunternehmen zusammengeschlossen. Die IGBCE Hessen-Thüringen betreut rund 81.000 Mitglieder unter anderem aus den Bereichen Chemie, Kunststoff, Kautschuk, Papier und Glas.
Fragen richten Sie bitte an:
Arbeitgeberverband Chemie und verwandte Industrien für das Land Hessen e. V.
Roland Boros, Pressesprecher
Murnaustraße 12, 65189 Wiesbaden
Tel.: 0611 7106-40 / E-Mail: boros@hessenchemie.de
www.hessenchemie.de
IGBCE Hessen-Thüringen
Dennis Priegnitz, Gewerkschaftssekretär
Mainzer Straße 81, 65189 Wiesbaden
Tel.: 0611 988499-17 / E-Mail: dennis.priegnitz@igbce.de
www.hessen-thueringen.igbce.de


